Rütte

Maria Hippius-Gräfin Dürckheim mit Religionsphilosoph, Missionar und Zen-Meister Pater Hugo M. Enomiya-Lassalle und Karlfried Graf Dürckheim (von links) bei einem Vesper im Gasthaus Hirschen Foto: Margitta Pean

Wiege der Existenzialpsychologie -
Der Todtmooser Ortsteil Rütte kam nach dem Zweiten Weltkrieg durch Kalrfried Graf Dürckheim und Maria Hippius zu einiger Bekanntheit. 

Mi Heimet isch in de Rütti hinte, des isch vom Todtmis e chleine Zinke. Umringt vo Wälder duet si do liege, gmüetlich, ruehig wie innere Wiege." So reimt Mundartdichterin Erna Jansen über ihren Geburts- und Wohnort. Und beschreibt damit auch gleich die Lage, nämlich die eines Hochtals, das auf knapp 1000 Meter an der Straße nach Bernau liegt.

Diese streift das Dorf glücklicherweise nur und beschert so den Bewohnern ein ruhiges und idyllisches Wohnen in einem der schönsten Todtmooser Ortsteile, dessen Name sich übrigens von "roden" ableitet. Einer der ältesten ist er nicht; die ersten Häuser entstanden Anfang des 18. Jahrhunderts. Neben 13 Neubauten gibt es heute noch 17 alte Höfe.

Dazu kommt noch die Herz-Jesu-Kapelle von 1887 im Ortskern sowie das Vereinsheim des Angelsportvereins am Ortseingang. Ein Hingucker ist der weithin sichtbare Pavillon oberhalb des Dorfes. Jörg Haas hat ihn nicht nur zusammen mit Ernst Maier errichtet, er war auch ein unermüdlicher Erbauer und Pfleger des Wegenetzes im Umfeld, was nach seinem Tod dann Andreas Wagner übernommen und weitergeführt hat.

Rütte kann auf eine bewegte Geschichte zurückschauen. Nach Jahrhunderten der Armut mit kümmerlicher Land- und Forstwirtschaft und allerlei Zubrotverdiensten schufen die Einrichtung von Lungensanatorien zur Behandlung der Tuberkulose und der erwachende Tourismus ab Mitte des 19. Jahrhunderts einen willkommenen Zuverdienst. Später kamen noch zwei Kinderheime dazu, die Leben und Verdienstmöglichkeiten ins Dorf brachten – und mehrere Ehefrauen!

1953 und 1958 wirkten viele Einheimische als Schauspieler und Komparsen in zwei Heimatfilmen mit, die in der idyllischen Todtmooser Landschaft gedreht wurden: "Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt" und "Mein Mädchen ist ein Postillon", der sogar ganz in Rütte spielte. Von 1995 bis 2007 lebten im Dorf der Regisseur Roland Suso Richter mit seiner Frau, der Schauspielerin Katharina Meinecke. Einen enormen Aufschwung erlebte Rütte ab 1951 mit der Gründung der "Existentialpsychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte" durch Karlfried Graf Dürckheim (1896-1988) und Maria Hippius (1909-2003). Dürckheim war einer der großen Vorreiter des Zen-Buddhismus in Europa und Dank seiner zahlreichen Bücher weltweit bekannt. Hippius galt als "Grande Dame" der deutschen Tiefenpsychologie und hatte einen ähnlich international bedeutenden Ruf als Wissenschaftlerin.
Badische Zeitung, 15. Dezember 2018

Geistiges und kulinarisches Zentrum -
Der "Hirschen" war gesellschaftlicher Treffpunkt während der Hochzeit des Dürckheim-Zentrums.

Der Ortsteil Rütte ist international bekannt. Dank der weltweiten Kontakte von Hippius und Dürckheim gaben sich Vertreter der Weltreligionen sozusagen die Klinke in die Hand: Indische Gurus, japanische Zen-Meister, der Jesuitenpater Lasalle, die Münsterschwarzacher Benediktiner Anselm Grün, Willigis Jäger und der spätere Abt Fidelis Ruppert und andere hohe kirchliche Würdenträger.

Namhafte Manager und Professoren, Ärzte, Psychologen und Künstler, darunter so bekannte Personen wie Raumfahrtpionier Jesco von Puttkamer, Carl Friedrich von Weizsäcker oder Erhard Eppler suchten ebenfalls die Nähe der beiden Therapeuten und ihrer Einrichtung.

War das Dürckheim-Zentrum die geistige Mitte, so war der "Hirschen" für das leibliche Wohl der Gäste zuständig. Die Gaststätte war ob ihrer ausgezeichneten Küche in der ganzen Region beliebt. Die Enkelin des letzten Wirts Johann Baptist Schwald, Christa Zimmermann, erinnert sich noch lebhaft: "In der Gaststube saßen Menschen unterschiedlichster Herkunft, Sprache, Bildung und Alter, Fremde und Einheimische, Wallfahrer und Kurgäste, Prinzessinnen und Waldarbeiter oft dicht gedrängt zusammen. Es war ein einzigartiges Miteinander, von dem alle Seiten profitierten, denn Dürckheim war allen Menschen gegenüber aufgeschlossen und legte stets großen Wert auf guten Kontakt zu den Einheimischen." Im Dorf erinnert man sich an die Kinderskifeste hinterm Haus und an rauschende Feste zur "alten Fastnacht", an Familienfeiern oder an die einmalige Atmosphäre beim "Hirschen-Hans". Seit den 70er Jahren noch als Pension weiter geführt, ist das Privathaus heute im Familienbesitz.
Badische Zeitung, 8. Januar 2019

"Der Beruf lag nahe"
Holzschnitzer Ernst Maier über seine Passion und seine Werke.

BZ: Herr Maier, Sie haben Ihr ganzes Leben in Rütte verbracht. Was verbindet Sie mit dem Ort?

Maier: Seit Jahrhunderten sind meine Vorfahren hier ansässig, und ich bin in meinem Elternhaus nebenan geboren. Hier fühle ich mich heimisch und zugehörig und kann mir keinen besseren Wohnort für mich vorstellen.

BZ: Sie sind von Beruf Holzschnitzer. Wie kam es dazu?

Maier: Mein Vater und Großvater waren Drechsler. Der Umgang mit diesem Naturmaterial hat mir schon immer Spaß gemacht. Hinzu kam von klein auf mein Interesse an künstlerischer Gestaltung. So lag dieser Beruf nahe. Ich machte eine Lehre bei einem Holzbildhauer in Menzenschwand.

BZ: Was ist denn unter Ihren Händen entstanden?

Maier: Da gibt es viele Werke, die im ganzen Südschwarzwald zu finden sind. In Todtmoos sind es unter anderem Kreuz und Madonna im Pfarrzentrum, die Willkommensschilder an den Ortseingängen und private Aufträge.

BZ: Sie haben auch einiges ehrenamtlich geschaffen?

Maier: Für die Rütte- und die Freiwaldkapelle habe ich die Altäre gefertigt, dazu das Kruzifix für unsere Dorfkapelle. Auch das Kreuz am Hochkopf, das schon seit 30 Jahren steht, stammt von mir. Den Rüttepavillon errichteten Jörg Haas und ich. Das ehrenamtliche Miteinander mit anderen Handwerkern ist immer eine besondere Freude für mich.
Badische Zeitung, 8. Januar 2019